29. September 2026

Leben in einer Omnikrise

Leben in einer Omnikrise

Manchmal verändert sich eine Welt nicht mit einem großen Knall. Sie verschiebt sich langsam, fast unmerklich, und erst nach einer Weile merkt man, dass die Dinge nicht mehr dort stehen, wo man sie in Erinnerung verortet hat.
Ich glaube, genau solche Dynamiken erleben wir gerade.

Es ist nicht bloß eine einzelne Krise, die uns beschäftigt. Es ist auch nicht nur das Thema “Krieg”, nicht nur “Wirtschaft”, nicht nur “Gesundheit”, nicht nur “Technologie” und nicht nur die “politische Entwicklung”.
Nein. Das eigentlich Neue besteht darin, dass all diese Dinge gleichzeitig in Bewegung geraten sind, sich gegenseitig beeinflussen und immer schwerer voneinander zu trennen sind. Aus einzelnen Problemen ist ein ganzes dichtes Geflecht geworden. Wer an einem Faden zieht, bewegt plötzlich das ganze Gewebe.

Der bekannte Zukunftsforscher Matthias Horx hat für diese Entwicklung den Begriff der Omnikrise verwendet. Ich halte ihn für zutreffend, weil er etwas beschreibt, das viele Menschen längst spüren, auch wenn sie es nicht immer benennen können: Die Welt fühlt sich nicht mehr nur schwierig an. Sie fühlt sich unsicherer an, weil immer mehr Bereiche gleichzeitig ihre frühere Selbstverständlichkeit verlieren.

Mich erinnert diese Situation an ein Thema, das mich schon sehr lange begleitet.
In der Ethnologie kennen wir sogenannte Übergangsriten, welche Arnold van Gennep zu Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben hat. Sein Buch dazu trägt den bezeichnenden Titel: Übergangsriten. Er untersuchte jene Phasen im menschlichen Leben, in denen ein vertrauter Zustand verlassen wird und ein neuer erst noch erreicht werden muss. Dazwischen liegt eine eigentümliche Zeit. Das Alte trägt nicht mehr vollständig, das Neue ist noch nicht da. Der Mensch befindet sich gewissermaßen zwischen zwei Welten.
Solche Übergänge gibt es beispielsweise bei Geburt, Erwachsenwerden, Heirat oder Tod. Aber das Prinzip reicht weiter. Immer dann, wenn ein vertrautes Ordnungssystem verlassen wird, entsteht eine Phase, in der Orientierung schwieriger wird.

Genau dort sehe ich uns heute.

Unser Nervensystem blickt stets zurück. Wir wissen ziemlich gut, woher wir kommen. Wir kennen die Ordnung, an die wir uns gewöhnt haben, ihre Regeln, ihre Sicherheiten, ihre Versprechen und auch ihre Illusionen. Es sind die Produkte unserer neuronalen Verschaltungen.

Aber wir wissen nicht wirklich, wohin wir gehen.

Klar. Es gibt Zukunftsszenarien, politische Entwürfe, technologische Visionen und wirtschaftliche Planungen. Es gibt Akteure, die sehr klare Vorstellungen davon haben, wie die kommenden Jahre aussehen sollen. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass die Wirklichkeit sich an diese Pläne halten wird. Zu viele Kräfte wirken gleichzeitig, zu viele Systeme sind miteinander gekoppelt, zu viele Störungen können in Entwicklungen eingreifen, die vorher noch eindeutig erschienen. Und dann ist da noch der unberechenbare Faktor Mensch. Kurzum:

Wir kennen A.
Aber B kennen wir nicht.

Und genau diese Ungewissheit ist für Menschen schwerer auszuhalten, als man oft denkt.
Während meiner ethnologischen Feldarbeit im Hohen Atlas habe ich Menschen erlebt, die auf dem Weg zwischen zwei Orten ein Amulett bei sich trugen und es während des Gehens immer wieder mit der Hand berührten oder sich regelrecht daran festhielten. Damals konnten wir diese Beobachtungen zunächst als kulturelles Detail betrachten, als Teil einer lokalen Vorstellungswelt.

Heute sehe ich dieses Bild ganz anders.

Schauen wir genau hin: Der Mensch hatte den vertrauten Ort verlassen und den nächsten noch nicht erreicht. Er befand sich im Übergang. Das Amulett veränderte den Weg nicht. Es machte den Weg nicht kürzer, beseitigte keine Gefahr und garantierte kein bestimmtes Ergebnis. Aber es gab etwas, das blieb, während sich die Umgebung veränderte.

Etwas, woran man sich festhalten konnte.
Dies ist eine sehr alte menschliche Antwort auf eine sehr alte menschliche Erfahrung: Wenn die äußere Ordnung unsicher wird, suchen wir nach etwas, das innen oder unmittelbar bei uns verlässlich bleibt. Und genau an diesem Punkt beginnt für mich die eigentlich interessante Frage unserer heutigen Situation.
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit menschlicher Regulation, also mit der Fähigkeit des Organismus, Belastungen aufzunehmen, auf Veränderungen zu reagieren und anschließend wieder einen tragfähigen Zustand herzustellen. Menschen können erstaunlich viel bewältigen. Wir sind nicht dafür gemacht, in einer vollkommen gleichförmigen Umwelt zu leben. Anpassung gehört zu unserer Natur.

Aber Anpassung braucht Zeit.

Nach einer starken Belastung muss es eine Phase geben, in der das System wieder herunterfahren kann. Nach einer langen Anspannung braucht es Entlastung. Nach Unsicherheit braucht es irgendwann wieder Orientierung. Und genau diese Zeit wird knapper. Viele Menschen erleben heute nicht mehr den klassischen Ablauf: Belastung, Verarbeitung, Erholung. Stattdessen folgt auf eine Belastung schon die nächste. Kaum hat man sich an eine Veränderung gewöhnt, tritt eine neue hinzu. Etwas im Beruf verändert sich, gleichzeitig wächst die Sorge um die wirtschaftliche Entwicklung, während im Hintergrund politische Konflikte eskalieren, technologische Umbrüche ganze Tätigkeitsfelder verändern und im privaten Umfeld ebenfalls Dinge geschehen, die Aufmerksamkeit verlangen. Das einzelne Ereignis ist dann oft gar nicht das eigentliche Problem.

Das Problem ist die Summe.

Oder genauer: die Summe im Verhältnis zu der Fähigkeit des Menschen, diese Belastungen noch auszugleichen.

Ich nenne dieses Potenzial die Regulationsreserve.

Dieser Begriff beschreibt für mich keinen einzelnen Messwert, sondern eine Erfahrung, die ich immer häufiger beobachte: Menschen verfügen irgendwann nicht mehr über denselben Spielraum wie früher. Sie schlafen schlechter, werden schneller gereizt, Gedanken kreisen länger, Entscheidungen fallen schwerer, der Körper bleibt in Bereitschaft. Manchmal ist es nur ein diffuses Gefühl, dass alles zu viel geworden ist, obwohl man kaum erklären kann, welches einzelne Ereignis dafür verantwortlich sein soll. Dann kommt vielleicht eine Trennung, eine Diagnose, ein Arbeitsplatzverlust oder eine familiäre Krise hinzu.

Und plötzlich kippt etwas gewaltig.

Von außen sieht es so aus, als sei dieses eine Ereignis der Auslöser gewesen. Tatsächlich trifft es aber häufig auf ein System, das schon lange vorher unter Druck stand.

Das verändert auch die Frage, wie wir Menschen in Krisen begleiten müssen.

Früher konnte man zumeist sagen: Da ist ein Mensch, dessen grundsätzlich stabiles Leben von einem außergewöhnlichen Ereignis unterbrochen wurde. Wir helfen ihm dabei, die Krise zu überstehen, und irgendwann findet er zurück in sein bisheriges Leben.

Heute funktioniert dieses Bild immer weniger.
Denn wohin soll der Mensch zurück? Auch die Welt, in die er zurückkehren möchte, hat sich inzwischen verändert.

Es liegt genau darin einer der größten Irrtümer unseres bisherigen Resilienzbegriffs. Resilienz wird oft so verstanden, als müsse der Mensch nach einer Belastung möglichst schnell wieder in seinen alten Zustand zurückfinden. Aber wenn sich die Bedingungen selbst verändern, reicht dieses Zurückfedern nicht.

Dann muss etwas Neues entstehen. Nicht unbedingt ein völlig neuer Mensch, aber eine andere Art, sich in einer veränderten Welt zu orientieren. Ich glaube darum, dass wir uns wieder stärker mit den grundlegenden Dingen beschäftigen müssen, die Menschen seit jeher geholfen haben, Übergänge zu bewältigen.

Mit Beziehungen. Mit Rhythmus. Mit Schlaf. Mit Natur. Mit körperlicher Wahrnehmung.
Mit Ritualen. Mit Orten. Mit Musik. Mit Berührung.
Mit allem, was dem Organismus signalisiert:
Hier ist etwas, das immer noch trägt.

Vielleicht klingt das in einer hoch technisierten Welt zunächst erstaunlich schlicht. Aber möglicherweise liegt gerade darin die Richtung, die wir lange aus dem Blick verloren haben. Je komplexer die äußere Welt wird, desto wichtiger könnten jene elementaren Fähigkeiten werden, auf denen menschliche Selbstorganisation überhaupt beruht. Wir können nicht alle politischen Entwicklungen kontrollieren. Wir können nicht vorhersehen, welche Technologien sich durchsetzen werden, welche Konflikte entstehen oder welche wirtschaftlichen Verwerfungen kommen. Aber wir können etwas dafür tun, dass nicht jede äußere Bewegung unmittelbar unsere gesamte innere Ordnung mitreißt.

Wir können lernen, unseren Zustand wahrzunehmen.
Wir können lernen, Belastung früher zu erkennen.
Wir können Bedingungen schaffen, unter denen unser System wieder in einen regulierbaren Bereich zurückfinden kann.
Und wir können uns fragen, welche Anker uns durch diesen Übergang tragen. Das halte ich inzwischen für eine der entscheidenden Fragen unserer Zeit.

Nicht: Wie verhindern wir jede Unsicherheit? Das können wir nicht. Sondern: Wie bleiben wir Menschen, die auch unter unsicheren Bedingungen noch wahrnehmen, entscheiden und handeln können?

Wir haben A verlassen. B ist noch nicht sichtbar. Und immer öfter ist genau deshalb das Dazwischen der Ort, mit dem wir uns jetzt beschäftigen müssen.

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